38,7 Millionen Flüge, 51 Unfälle, 8 davon tödlich. Das ist die Bilanz der weltweiten Verkehrsluftfahrt für das Jahr 2025 laut dem Safety Report der IATA. Auf eine Million Flüge kamen 1,32 Unfälle, tödlich endete rechnerisch 0,17 von einer Million Flügen. Anders gesagt: Du müsstest im Schnitt rund 16.000 Jahre lang jeden Tag fliegen, bis dich statistisch ein tödlicher Unfall trifft.
Trotzdem steigen viele Menschen mit feuchten Händen ins Flugzeug, nachdem sie ohne einen Gedanken über die Landstraße zum Flughafen gefahren sind. Genau dort starben 2025 in Deutschland 2.832 Menschen, acht am Tag. Ob Fliegen sicher ist, lässt sich mit Zahlen klar beantworten. Warum die Zahlen gegen das Bauchgefühl so wenig ausrichten, ist die eigentlich interessante Frage.
Die aktuellen Zahlen aus dem IATA Safety Report
Die IATA veröffentlicht jedes Frühjahr eine Unfallstatistik für die kommerzielle Luftfahrt. Für 2025: 51 Unfälle bei 38,7 Millionen Flügen, ein Unfall pro 759.646 Flüge. Als Unfall zählt jedes Ereignis mit schwerem Schaden am Flugzeug oder Verletzten, also auch eine Landung, bei der die Maschine von der Bahn rollt und niemand verletzt wird. Solche Vorfälle machen den Großteil aus.
Tödliche Unfälle gab es acht, mit 394 Toten an Bord. Das ist deutlich mehr als 2024, als bei sieben tödlichen Unfällen 244 Menschen starben. Der Grund sind zwei einzelne Katastrophen, Air India 171 und die Kollision über Washington, die zusammen für mehr als drei Viertel aller Toten stehen. Die Unfallrate selbst ist von 1,42 auf 1,32 pro Million Flüge gesunken. Der Schnitt der Jahre 2021 bis 2025 liegt bei 1,27 Unfällen und 198 Toten pro Jahr.
Für Europa ist die Bilanz noch besser. Laut Eurostat gab es von 2016 bis 2024 keinen schweren Unfall mit einem in der EU registrierten Verkehrsflugzeug. 2023 flogen Airlines aus den EASA Staaten 7,3 Millionen Mal ohne einen tödlichen Unfall.
Fliegen vs Autofahren: die Statistik im Vergleich
Das Statistische Bundesamt zählt für 2025 in Deutschland 2,52 Millionen Verkehrsunfälle, rund 371.000 Verletzte und 2.832 Tote, darunter 317 Fußgänger und 285 Radfahrer. Motorradfahrer trifft es am härtesten: 2024 starben 513 von ihnen, und bezogen auf die Strecke ist das Todesrisiko auf dem Motorrad laut Deutschem Verkehrssicherheitsrat rund 25 Mal höher als im Auto.
Ein fairer Vergleich braucht eine gemeinsame Bezugsgröße, üblich sind Getötete je Milliarde Personenkilometer. Für Deutschland im Schnitt der Jahre 2015 bis 2024 ergibt das nach Auswertung der Allianz pro Schiene:
- Pkw: 1,55 Getötete je Milliarde Personenkilometer
- Reisebus: 0,13
- Eisenbahn: 0,03
- Verkehrsflugzeug in der EU: über neun Jahre hinweg kein schwerer Unfall, 2024 drei Tote laut Eurostat
Auf den Kilometer gerechnet ist das Flugzeug damit das sicherste Verkehrsmittel überhaupt. Diese Rechnung hat eine Schwäche: Flugzeuge legen enorme Strecken zurück, das Risiko konzentriert sich aber auf Start und Landung. Pro Reise gerechnet liegt die Bahn etwas vorne, das Auto bleibt weit abgeschlagen. Die gefährlichste Etappe deiner Flugreise ist die Fahrt zum Flughafen.
Ich arbeite seit 15 Jahren als Rettungssanitäter. Verkehrsunfälle gehören zu meinem Alltag, ich fahre praktisch täglich zu einem. Zu einem Flugzeugunglück bin ich in all den Jahren kein einziges Mal gerufen worden. Das ist keine Statistik, nur eine Beobachtung. Aber sie deckt sich mit dem, was die Zahlen sagen.
Warum das Bauchgefühl trotzdem täuscht
Dein Gehirn schätzt Wahrscheinlichkeiten nicht anhand von Tabellen, sondern danach, wie leicht dir Beispiele einfallen. Psychologen nennen das Verfügbarkeitsheuristik. Ein Absturz mit 260 Toten läuft tagelang in allen Nachrichten, mit Bildern von Trümmern und Angehörigen. Die acht Verkehrstoten pro Tag in Deutschland schaffen es höchstens in den Regionalteil. Der Absturz bleibt im Kopf, der Autounfall nicht. Also fühlt sich Fliegen gefährlicher an.
Dazu kommt das Gefühl von Kontrolle. Am Steuer glaubst du, das Geschehen in der Hand zu haben. Im Flugzeug sitzt du in Reihe 23 und bekommst nicht einmal mit, wer vorne fliegt. Wie teuer diese Verzerrung werden kann, hat der Psychologe Gerd Gigerenzer gezeigt: Nach dem 11. September 2001 mieden viele Amerikaner das Flugzeug und fuhren Auto. In den zwölf Monaten danach starben in den USA rund 1.600 Menschen mehr im Straßenverkehr als sonst.
Wo die Risiken tatsächlich liegen
Start und Landung
Die Unfallstatistik von Boeing zeigt seit Jahrzehnten dasselbe Muster. In der Auswertung der Jahre 2004 bis 2013 ereigneten sich 47 Prozent der tödlichen Unfälle im Endanflug oder bei der Landung, weitere 14 Prozent beim Start und im ersten Steigflug. Das sind wenige Minuten pro Flug, in denen das Flugzeug langsam und nahe am Boden ist. Jeju Air, Air India, Washington: alle drei passierten in diesen Phasen.
Der Reiseflug ist die sicherste Phase
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Nur rund zehn Prozent der tödlichen Unfälle entfallen auf den Reiseflug, obwohl er auf der Langstrecke den größten Teil der Zeit ausmacht. Genau dann, wenn viele Passagiere bei jedem Ruckeln zusammenzucken, ist das Risiko am geringsten. Turbulenzen können nicht angeschnallte Passagiere verletzen, ein Verkehrsflugzeug bringen sie nicht zum Absturz. Die Tragflächen sind für Lasten ausgelegt, die weit über allem liegen, was im Linienbetrieb vorkommt.
Regionen, nicht Flugzeugalter
Der größte Unterschied liegt nicht beim Flugzeugtyp, sondern bei der Aufsicht. Die IATA weist für Afrika 2025 eine Unfallrate von 7,86 pro Million Flüge aus, für Nordasien 0,16, ein Faktor von fast 50. Wo Behörden schwach sind, Wartung kaum kontrolliert wird und Piloten mit wenig Training fliegen, steigt das Risiko. Welche Airlines hier besonders gut abschneiden, steht in unserer Rangliste der sichersten Fluggesellschaften der Welt.
Das Alter der Maschine dagegen ist kein Risikofaktor, auch wenn viele das glauben. Ein 20 Jahre alter Airbus, der nach Plan gewartet wird, ist nicht unsicherer als ein fabrikneuer. Beurteilt wird nicht nach Jahren, sondern nach Flugzyklen und Flugstunden, und jedes Bauteil hat eine festgelegte Lebensdauer, nach der es ersetzt wird. Neue Muster haben eher Kinderkrankheiten. Welche Typen in der Statistik gut dastehen, liest du im Beitrag über das sicherste Flugzeug der Welt.
Die Sicherheitsarchitektur hinter jedem Flug
Dass die Zahlen so niedrig sind, ist das Ergebnis eines Systems, das seit Jahrzehnten aus jedem Unfall lernt. Alles, was für den Flug wichtig ist, gibt es mindestens doppelt: Triebwerke, Hydraulik, Stromversorgung, Navigationsrechner. Ein zweistrahliger Jet muss mit einem Triebwerk starten und landen können, sonst bekommt er keine Zulassung.
Im Cockpit sitzen immer zwei Piloten, die sich gegenseitig kontrollieren. Jede Handlung wird angesagt und bestätigt. Beide üben regelmäßig im Simulator Triebwerksausfälle, Brände und Notlandungen, und wer die Prüfung nicht besteht, fliegt nicht. Die Wartung folgt festen Intervallen, vom täglichen Check bis zur Grundüberholung, bei der das Flugzeug fast komplett zerlegt wird.
Am wichtigsten ist vielleicht das Meldesystem. Nach der EU Verordnung 376/2014 muss jedes sicherheitsrelevante Ereignis gemeldet werden, auch wenn nichts passiert ist. Allein das Luftfahrt Bundesamt bearbeitete 2022 über 10.000 solcher Ereignisse. Das Prinzip heißt Just Culture: Wer einen Fehler meldet, wird nicht bestraft, damit das System daraus lernen kann. Und wenn doch etwas passiert, zeichnen Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder alles auf. Die Berichte werden veröffentlicht, die Erkenntnisse fließen in Bauvorschriften und Training ein. Deshalb wiederholen sich Unfallursachen so selten.
Was 2024 und 2025 passiert ist und was es für die Statistik heißt
Innerhalb von sechs Monaten gab es drei Unglücke, die weltweit Schlagzeilen machten. Am 29. Dezember 2024 rutschte eine Boeing 737 von Jeju Air nach einem Vogelschlag in beide Triebwerke ohne Fahrwerk über die Landebahn von Muan und prallte gegen einen Betonwall mit einer Antennenanlage. 179 Menschen starben, zwei Flugbegleiter überlebten. Die Ermittler stellten fest, dass die Crew offenbar das intakte statt des beschädigten Triebwerks abgestellt hatte, und dass ohne den Betonwall vermutlich alle überlebt hätten.
Am 29. Januar 2025 kollidierte ein Regionaljet von PSA Airlines im Anflug auf Washington mit einem Hubschrauber der US Armee, 67 Tote. Am 12. Juni 2025 stürzte eine Boeing 787 von Air India kurz nach dem Start in Ahmedabad ab, 241 Menschen an Bord und 19 am Boden starben. Laut vorläufigem Bericht wurden beide Schalter für die Treibstoffzufuhr Sekunden nach dem Abheben auf Aus gestellt. Warum, ist nicht abschließend geklärt, der Abschlussbericht wird für Ende 2026 erwartet.
Was heißt das für die Statistik? 2025 war nach Zählung des Aviation Safety Network mit 548 Toten im weltweiten Luftverkehr das schlechteste Jahr seit 2018. Das klingt nach einem Trend, ist aber ein Ausreißer durch zwei Einzelereignisse. Die Zahl der Unfälle ist gesunken, die Unfallrate auch. Und die Fälle haben nichts miteinander zu tun: ein Vogelschlag mit Fehlentscheidung und Betonwall, ein Militärhubschrauber im zivilen Luftraum, ein ungeklärter Vorgang im Cockpit. Ein Muster gibt es nicht. Dass drei Unglücke in kurzer Folge trotzdem wie eine Häufung wirken, ist genau die Verfügbarkeitsheuristik von oben.
FAQ: Ist Fliegen sicher?
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit für einen Flugzeugabsturz?
Laut IATA lag das Todesrisiko 2025 bei 0,17 pro Million Flüge. Rechnerisch müsstest du rund 16.000 Jahre lang täglich fliegen, um einen tödlichen Unfall zu erleben.
Ist Fliegen sicherer als Autofahren?
Ja, mit großem Abstand. Pro Milliarde Personenkilometer sterben im Pkw in Deutschland 1,55 Menschen, im Verkehrsflugzeug in der EU seit 2016 praktisch niemand.
Sind alte Flugzeuge unsicherer?
Nein. Entscheidend ist die Wartung, nicht das Baujahr. Das Risiko hängt viel stärker davon ab, wie gut die Luftfahrtbehörde des Landes die Airlines kontrolliert.
Sind Turbulenzen gefährlich?
Für das Flugzeug nicht. Für nicht angeschnallte Passagiere schon, deshalb lass den Gurt auch im Reiseflug locker geschlossen. Mehr dazu im Beitrag zum sichersten Sitzplatz im Flugzeug.
Was hilft gegen Flugangst, wenn die Zahlen nicht reichen?
Wissen allein beruhigt selten, weil Angst nicht im Verstand entsteht. Airlines bieten Seminare mit Piloten und Psychologen an. Wie so ein Kurs abläuft, steht im Artikel über das Flugangst Seminar bei Lufthansa.
Fazit
Ist Fliegen sicher? Ja, und zwar nicht als Beruhigungsformel, sondern als messbares Ergebnis. 38,7 Millionen Flüge und acht tödliche Unfälle in einem Jahr, das als schlechtes Jahr gilt. Kein Verkehrsmittel bringt dich pro Kilometer sicherer ans Ziel. Das Risiko konzentriert sich auf wenige Minuten bei Start und Landung und auf Regionen mit schwacher Aufsicht, nicht auf Turbulenzen und nicht auf alte Flugzeuge. Wenn dein Bauch das anders sieht, reagiert er auf Bilder, nicht auf Zahlen. Die Zahlen sind auf deiner Seite.

